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Wie ich einmal Zwiebeln kaufte

4. Mai 2012

Das Schwierigste am Leben im Ausland ist – Vorsicht, jetzt kommt nichts Überraschendes – die Sprache. Die Franzosen sind ja total nett und alles, die meisten gehen auch aufrecht, und wir haben sogar schon einen kennengelernt, der sich nach der Toilette die Hände wäscht! Aber können die keine gscheite Sprache sprechen? Englisch, zum Beispiel, wie jeder normale Mensch!

Nein, sie haben sich da etwas entwickelt, das eine Ausgeburt an Ineffizienz ist. Wo andere Länder genau einen Buchstaben brauchen, benötigen die Franzosen derer drei. Mindestens.

Wir: O.
Sie: eau.

Wir: etä.
Sie: étaient.

Seit Jahren versuche ich dem Büro des Premierministers erklärlich zu machen, wieviel Geld in diesem Land allein an Druckkosten gespart werden könnte! Aber glauben Sie, die hören auf mich?

Nicht, dass Sie denken, beim Reden würde man die ganzen Buchstaben ja nicht hören, also wäre wenigstens hier nicht auch noch ein Zeitverlust zu beklagen. (Und glauben Sie mir, auch nur eine Silbe pro Satz pro Kopf weniger würde in diesem Land zu einer Lawine an freigesetzter Zeit führen! Es würde geradezu Stille herrschen.) Nein, stattdessen wiederholen sie einfach das Subjekt, indem sie es durch ein Personalpronom ersetzen.

Wir: Der Ball ist über die Mauer geflogen.
Sie: Der Ball, er ist über die Mauer geflogen.

Aber es hilft ja nix. Man bemüht sich also, die Sprache so gut wie möglich zu beherrschen. Nur, um immer wieder einen Dämpfer zu kassieren. Wenn der Kellner im Café nach einer Bestellung, die man in lupenreinem, akzentfreiem, fehlerlosem Französisch abgesetzt hat, sicherheitshalber auf Englisch umschaltet. Oder wenn der Fleischhauer auf die Bitte nach 500 Gramm Rindfleisch drei Mal nachfragt.

Ich: Cinq cents grammes de viande de boeuf, s’il vous plaît!
Er: Combien?
Ich: Cinq. Cents.
Er: Six cents?
Ich: CINQ! CENTS!
Er: Ah! Cinq cents!

Seither kaufe ich immer 600 Gramm und werde meine Gichtanfälle nach ihm benennen.

Nach einiger Zeit kommen aber wieder Momente, wo man mit den Menschen schäkern kann, wo man seine Schlagfertigkeit endlich auch in der fremden Sprache umsetzen kann, wo man sich bei den beiden Aufzugmonteuren, die den Lift extra kurz in Betrieb setzen, damit man die Einkäufe nicht cinq Stockwerke raufschleppen muss, mit einem kleinen Scherzchen bedanken kann. Nur um an der Wohnungstür noch mitzukriegen, wie der eine den anderen fragt: „Was hat sie gesagt?“

Am frustrierendsten sind die Situationen, in denen man eigentlich das Vokabular höflichen Beschimpfens bräuchte. Wenn man von der Servierkraft angeblafft wird, weil man es gewagt hat, sich ein wenig ungehalten über die 30 Minuten Wartezeit auf den reservierten Tisch zu äußern. Oder wenn man einen UPS-Hotline-Mitarbeiter am Telefon hat, dem man zu erklären versucht, dass jenes Paket, das laut UPS-Webseite seit bereits einer Woche angeblich immer „morgen“ geliefert wird/wurde/werden wird, noch immer nicht da ist. Und der einem dann in einer erwürgungswürdigen Art antwortet: „Aber hier auf der Seite steht doch: Es wird Ihnen morgen zugestellt. Ich kann Ihnen das auch gern noch einmal auf Englisch sagen.“

Glauben Sie mir, eine Woche lang täglich zwischen 9 und 17 Uhr jede Blasentätigkeit zu unterbinden, macht ein bisschen unrund.

Wobei das im deutschsprachigen Raum weitestverbreitete Vorurteil den Franzosen gegenüber, sie wären arrogant, wirklich völlig falsch ist. (Mit Ausnahme des UPS-Arschs.) Wir haben hier tatsächlich noch keinen nicht-hilfsbereiten, unfreundlichen, arroganten Menschen getroffen. Sogar die Polizisten sind nett!

Oft sind es nur hauchfeine Missverständnisse. Als ich vor einiger Zeit mein erstes Coq au vin versuchte, war ich wild entschlossen, wirklich alles von vorn bis hinten selbst zu machen. Ich ging also zum neuen Fleischhauer (der besser hört als der alte), erzählte ihm stolz, was ich vor hatte und bat um ein geeignetes Federvieh. Das Huhn ist idealerweise ein alter Hahn, der schon „eine Menge Hühner gesehen hat“, wie der Gatte schreibt. Es wird in sechs Teile zerlegt und dann lange in einem „guten Pinot Noir“ geschmurgelt.

Als der Fleischer fragt, ob er mir das Huhn zerlegen soll, wehre ich mit dem Brustton der Entrüstung ab und sage, dass ich das selbstverständlich selbst erledigen würde.

Was ich dann Zuhause auspacke, ist ein Huhn, wie Gott es schuf. Inklusive Kopf, Füße und Innenleben. Ich gestehe, für den Kopf habe ich den Gatten geholt. Und die Küche verlassen.

Aber man lernt dazu. Vieles ist Trial & Error. Ich kann mittlerweile perfekt aus der Mimik meines Gegenübers darauf schließen, was er mir erzählt, auch wenn ich kein Wort verstehe. In den meisten Fällen kommt man am besten mit Lächeln und Nicken durch. Und interessiert dreinschauen.

Man will ja auch Neuem gegenüber aufgeschlossen bleiben. Wenn mir der Schinkenweltmeister bestimmte oignons, Zwiebeln, als Spezialität des Tages anpreist, denke ich mir zwar insgeheim: „Zwiebeln? Was macht der Schinkenweltmeister mit Zwiebeln?“ Doch ich lächle und nicke.

Was ich dann Zuhause auspacke, sind rognons.

Schweinenieren.

Ja, auch die wurden gekocht. Es war gottlob Sommer und man konnte alle Fenster öffnen. Nicht, dass das sehr viel gebracht hätte.

So genau scheißt ka Hendl

1. Mai 2012

Sehen Sie, mit Rezepten und mir ist das so eine Sache. Wir sind nicht füreinander geschaffen. Andererseits sind, wie wir bereits erörtert haben, auch Improvisation und ich nicht füreinander geschaffen. Was das ganze Kochprojekt zugegebenermaßen ein wenig aussichtslos erscheinen lässt.

Früher, als es den Gatten noch nicht gab und ich mich selbst ernähren musste, hatte ich hin und wieder kurze Anfälle, während derer ich plötzlich beschloss: „So, heute kochst du einmal was Richtiges, was Aufwändiges, etwas aus diesem dicken Kochbuch.“ Dann schlug ich das dicke Kochbuch auf, blätterte es durch, blieb bei einem Bratenrezept hängen, zückte Stift und Einkaufszettel und begann zu notieren:

– Koriander? Wo bekommt man DAS denn? Na, kann man sicher weglassen.
– Sellerie. Mag ich nicht. Lass ich auch weg.
– Puh, vorher einen Fond zum Aufgießen machen? Ist mir zu mühsam.
– Bier muss da auch rein? Ich hasse Bier.
– Wacholderbeeren … Da muss ich jetzt extra Wacholderbeeren kaufen, die ich danach sicher nie wieder brauche? Dann schaut mein Vorratsschrank sicher bald aus wie der meiner Mutter, wo die Worcestersauce noch in Kurrent beschriftet ist.

Und so weiter und so fort. Bis schlussendlich „ein halbes Kilo Rindsschulter“ auf der Einkaufsliste stand. Und sonst nix.

Bei manchen Rezepten geht es mir auch heute noch so, vor allem bei Jamie Oliver, der Zutatenlisten schreibt, die länger sind als meine SMS-Rechnungen. Noch ein Löffelchen Fischsauce, noch ein Hauch Zitronenzeste, noch ein Löffelchen Sherryessig, noch drei Erdnüsse, noch drei Kilo Kräuter.

An dieser Stelle fällt mir dann immer der Spruch meiner Freundin Ulli ein, die vor vielen Jahren eine der ersten war, die versuchte, mir Kochen beizubringen. Ulli pflegte zu sagen: „So genau scheißt ka Hendl.“ Zugegeben, sie hat das vielmehr auf Mengen bezogen. Wenn im Rezept XL-Eier angegeben waren, sie jedoch nur M-Eier hatte, dann sagte sie „So genau scheißt ka Hendl“ und verwendete die M-Eier.

Ein kleines Detail, das an dieser Stelle vielleicht nicht unerwähnt bleiben soll: Ulli konnte hervorragend kochen.

Wenn ich heute das „So genau scheißt ka Hendl“-Mantra anwende, dann zielsicher an der falschen Stelle. Ein halbes Ei zu viel im Pastateig, das ich den restlichen Abend lang abbüßen darf, weil der Teig klebt wie Sau. Oder Ricotta statt Mozzarella, was dann doch konsistenzmäßig einen klitzekleinen Unterschied macht. Oder Backpulver statt Natron, was aus einem Zucchinimuffin im Handumdrehen eine Massenvernichtungswaffe macht. (Wir hatten sogar kurz überlegt, eines vom Balkon zu werfen und zu schauen, wie tief der Krater wird. Aber damals wohnten wir noch gegenüber vom französischen Innenministerium.)

Immerhin versuche ich mittlerweile, mich so genau wie möglich an Rezepte zu halten und alle Zutaten aufzutreiben. Vergangene Woche habe ich einen halben Tag im Internet recherchiert, um eine Quelle für Weinstein zu finden, das im Time Life-Kochbuch für Soufflés vorgeschrieben wird. (Ich habe es nicht gefunden, die Soufflés sind zusammengefallen, der Weinstein war schuld.) Ich bin vergeblich das ganze Arrondissement abmarschiert, um Pandanblätter für Frau Ziiis Hainan-Huhn zu finden. (Frau Ziii braucht übrigens dringend eine Suchfunktion auf ihrer Seite.) Ich war in jeder Epicerie und an jedem Marktstand, um Pimenton de la vera zu finden.

Als ich unlängst in einem unserer Hamburger Lieblingsrestaurants, dem Tschebull, zum ersten Mal mit der Existenz von Eiskraut konfrontiert wurde, habe ich erst gar nicht versucht, es hier zu finden, sondern es gleich selbst angebaut. Das Aufwändige war dann eher, die Samen zu finden.
Wobei … das Problem waren nicht so sehr die Samen wie vielmehr die Mindestbestellsumme, weshalb ich jetzt auch Orangenthymian, Salbei, Kerbel, Ruccola und Lobelien anbaue.

Wer jetzt völlig unreif über die Beschriftung des weißen Blumenkastens kichert: Eiskraut heißt auf Französisch „ficoide glaciale“. Und ja, ich kichere auch noch immer.

Man kann mir also nicht vorwerfen, veränderungsresistent zu sein. Ich finde, ich habe mein etwas extremes Verhalten als 25-Jährige wirklich schön kompensiert. Vielleicht gar … überkompensiert? Mittlerweile ist es nämlich so, dass ich bestimmte Zutaten schon anschaffe, wenn ich gerade einmal in einem Rezept davon gelesen habe.

Die Kondensmilch links habe ich vor Monaten* gekauft, weil ich irgendwann einmal David Lebovitz‘ Schokoladeneis machen wollte.

Machen will.

Machen werde.

Die Bonitoflocken, weil ich irgendwann einmal gelesen hatte, dass man daraus … dass man damit … ich glaube, es hatte was mit Suppe zu tun.

Und wer das jetzt für übertrieben hält, dem kann ich sagen: Nur deshalb habe ich keine Probleme mit dem Nachtschlaf! Weil ich nämlich weiß, dass ich jederzeit Schokoladeneis machen könnte, wenn ich wollte. Oder Bonitosuppe.

Ich hatte auch, als Conni und Matthias vor einiger Zeit einen Kaiserschmarrn einforderten, bei nächstbester Gelegenheit Zwetschkenröster aus Wien importiert. Der steht immer noch hier und wartet auf den Kaiserschmarrn. (Wie C. und M. allerdings auf die Idee kommen, ich könnte den, ist eine andere Frage.)

Und wie schön, dass ich damit auch die mütterliche Tradition fortführen kann!


Es stimmt schon. Früher hatte ich nie das Problem, die ganzen Zutaten unterbringen zu müssen. Aber eines Tages werde ich so gut kochen können, dass ich aus all dem, was dann doch irgendwann wieder weg muss, etwas zaubern kann. Zwetschkenröster mit bonito-aromatisierter Kondensmilch. Glauben Sie mir, Ferran Adrià wollte sicher auch erst einmal nur den Vorratsschrank ausmisten.

Heute Abend kocht sicherheitshalber wieder einmal der Gatte. Eigenartigerweise kommt der immer mit den simpelsten Grundnahrungsmitteln aus …

* September 2011, *räusper*.

Alles eine Frage der Technik

30. April 2012

Eigentlich will ich seit Tagen von den Ottolenghischen Krautrollen berichten, die ich nach M.s Anregung tatsächlich nachgekocht habe. (Als fiese Attacke auf die Fingernägel der p.t. Leserschaft verrate ich noch nicht, wie sie geworden sind. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: „Schatz, was brennt da in der Küche?“!)

Oder von dem Quasi-Durchbruch von vorgestern, der für emotional herausgeforderte Menschen vermutlich in der nüchternen Erkenntnis „Ja klar bleibt eine Hühnerbrust saftig, wenn man sie nicht übergart“ münden würde. Aber die kennen auch die lange, jahrelange Vorgeschichte nicht, in der wir selbstgekochtes Huhn immer nur abwechselnd schlucken durften, damit einer von uns immer bei Bewusstsein ist, wenn dem anderen das Fleisch wieder einmal in der Kehle stecken bleibt.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich einen Saucen-Kochkurs bei Le Cordon Bleu gemacht habe? Jetzt wissen Sie immerhin schon, wieso.

Ein einziges Mal habe ich (außer vorgestern) ein Huhn nicht staubgetrocknet. Und das war, als ich es mittels Sous-vide-Technik zubereitet hatte.

Entschuldigung, mittels „““Sous-vide“““. Sous-vide ohne Anführungszeichen bedeutet nämlich, dass man das Gargut mittels eines Vakuumierers in Plastik einschweißt, eventuell noch ein paar Kräuter oder ein bisschen Öl vorher dazu, und dann selbiges bei sehr niedrigen, aber möglichst gleichbleibenden Temperaturen sanft garziehen lässt.

Frau Neudeckers erster „““Sous-vide“““-Versuch wich schon einmal beim Vakuumieren von den Vorschriften ab. Damals hatte ich nämlich noch keinen Vakuumierer. Dafür kräftige Lungen. (Retrospektiv gesehen war es vielleicht doch eine gute Idee, mit dem Rauchen aufgehört zu haben.)

Sie wollen sich das jetzt bitte nicht allzu bildlich vorstellen, wir sind ja ein jugendfreies Blog. Das Hygieneamt darf ich jedenfalls beruhigen, dass damals außer mir nur der Gatte davon gegessen hat. Und der hat schon ganz andere … aber lassen wir das.

Mangels Sous-vide-Gerät, für das ich geschätzte ein bis drei Banken überfallen – oder meine Saugkräfte gewinnbringender einsetzen müsste, habe ich dann unseren größten Topf genommen (den ich vor vielen Jahren als Schokopuddingtopf angeschafft habe, weil schließlich kein normaler Mensch weniger als drei Liter Schokopudding auf einen Schwung kocht). Der Gedanke dahinter war, dass zehn Liter Wasser die Temperatur konstanter halten als nur fünf. Sehen Sie, Herr Professor Hornischer? Ein bissl Physik hab ich mir doch gemerkt!

An den Topf wurde dann das elektronische Bratenthermometer geklemmt.

Zieltemperatur und Kochzeiten hatte ich mir von Elines Sous-vide-Crashkurs abgeschaut.

Nachdem ich das abgesaugte Huhn eingelegt hatte, nahm ich die zuvor sorgfältig einstudierte Kampfposition ein: Rechte Hand am Gasregler, linke Hand am Glas mit kaltem Wasser, Augen auf das Thermometer fixiert – und dazwischen ständig umrühren, damit im ganzen Topf dieselbe Temperatur herrscht.

Das dürfen Sie sich jetzt gern bildlich vorstellen.

Der Gatte wollte mir zwischendurch kurz die Stirn tupfen, hat sich das aber aufgrund jahrelanger Erfahrung doch noch schnell anders überlegt. Er ist ja nur gesetzlich versichert.

Hühnerbrüste müssen laut Eline 30 Minuten. Das ist recht lang, wenn man währenddessen vor allem das hier sieht:

Das Gute daran ist: Man muss sich schon sehr blöd anstellen, um etwas zu übergaren. Währenddessen den Geschirrspüler einräumen oder Bejeweled spielen gehen, zum Beispiel. Aber wer macht schon so etwas?

Das Huhn war jedenfalls wunderbar. So saftig, wie ich es bis dahin nur als Suppe gegessen hatte.

Seither wurden ein Vakuumierer angeschafft, der auch das Reisen mit französischem Käse im Handgepäck ein wenig sozialer gestaltet, sowie zwei weitere Versuche mit Kabeljau

und Forelle

unternommen. (Kabeljau: gut, aber zerfallend, Forelle: oookeeeehh)

So, und die eigentliche Frage, mit der ich aktuell kämpfe und weshalb Sie jetzt noch nicht erfahren, wie die Kohlwickel und das Huhn gelaufen sind, ist jene: Darf ich mir einen Glühweintopf kaufen, der die Temperatur genauso gut halten könnte wie ein sauteures Sous-vide-Dingens, um in Zukunft weniger Gfrett beim Sous-vide-Kochen zu haben? Oder muss ich vorher noch ein paar zusätzliche Versuche starten, um sicher sein zu können, dass wir ohne diese Technik nicht mehr leben können? Oder sollte ich wiederum besser erst „normal“ kochen lernen (so mit Topf und Pfanne und Ofen und so), bevor ich mich in technische Gefilde versteige?

Es wäre nämlich so: Ich könnte den Glühweintopf gleich gemeinsam mit der neuen Küchenmaschine bestellen, die ich definitiv brauche, weil die gute alte (aus einer Zeit, als meine Mutter nicht mehr daran glaubte, dass wir Töchter jemals eine Ausstattung brauchen würden und sie uns einfach so geschenkt hat) mit meinen Brotteigen nicht zurecht kommt?

Oh, habe ich Ihnen eigentlich schon von meinen Brotbackkünsten erzählt?

PS: Der Gatte sagt gerade, ich darf mir den Glühweintopf kaufen, wenn ich ihm verrate, wo ich ihn unterzubringen gedenke: neben der Eismaschine, unter der Nudelmaschine, hinter dem Dampfkocher oder gemeinsam mit dem Vakuumierer in der Kommode im Wohnzimmer. Ich sage, er kriegt jetzt noch zwei Mal Huhn nach der konventionellen Methode, dann ist die Frage eh vom Tisch.

Kleine Hausmitteilung

23. April 2012
Unter „Auswärtsbegegnungen“ gibt es nun eine Seite mit ein paar unserer Lieblingsrestaurants in Paris. Wird je nach Höhe des Lottogewinns unregelmäßig vervollständigt.

Keine Atempause. Gerichte werden gemacht. Es geht voran.

22. April 2012
Wenn man längere Zeit in einer neuen Stadt lebt, aber doch noch nicht lange genug, kommt irgendwann die Phase, in der man übermütig, lässig, gar nachlässig wird. Man glaubt, sich jetzt eh schon auszukennen, hat sich außerdem von den Parisern diesen gewissen „Paris? Jaja, schöne Stadt, aber sooo viele Touristen in meiner Métro!“-Gesichtsausdruck abgeschaut, den sie immer machen, wenn sie in der U-Bahn selbstvergessen ihre iPhones fixieren. (Die Pariser haben eben ein Gefühl dafür, was zusammenpasst.)
Das ist dann die Phase, in der man sich andauernd verfährt.

Sie kommt umso früher, je heftiger man zuvor über all die Paris-Groupies abgelästert hat.

Sie dauert umso länger, je öffentlicher man dies getan hat.

Der Kochneuling durchläuft eine ähnliche Phase der Hybris. Vor allem jener Kochneuling, der jeden Tag viel zu viele Kochblogs liest. Ich nenne das auch gern den Wimbledon-Effekt: Jeden Sommer, wenn ich im Fernsehen ein paar Tennismatches zu viel gesehen habe, bin ich überzeugt, mich selbst jederzeit auf den Platz stellen zu können. Vielleicht nicht direkt in Wimbledon, aber Kreisliga ohne Probleme.

In den Kochblogs sieht alles so einfach aus, so aus dem Ärmel geschüttelt. Man wird übermütig und beginnt zu improvisieren.

Heraus kommt dann zum Beispiel das hier.

Ich könnte jetzt ein Mörder-Gewinnspiel ausrufen und den Porsche am Schluss selbst behalten. Es kommt ja doch niemand drauf, was das hätte werden sollen. Also gut, ich verrate es: gebackene Kürbis-…äh, -teile. Im Rohr gebacken, ganz schlank, ohne Fett. (Das hier ist übrigens bereits das Nachher-Foto.) Linienschonend waren sie allerdings tatsächlich: Sie sind ohne Umwege im Müll gelandet.

In den Tagen zuvor hatte ich offensichtlich etwas zu oft von panierten Hühnerteilen gelesen, die man ganz weightwatcherig im Ofen backen kann. Weshalb die völlig logische Assoziationskette angestoßen wurde: Ich mag Kürbis → Ich mag Schnitzel → Wenn man Schnitzel auch ohne Fett im Rohr backen kann, dann → kann man das doch sicher auch mit Kürbis.

Sie dürfen sich das Foto gern für Ihre nächste Diät an den Kühlschrank hängen.

Man wird aber auch mit Kleinigkeiten schleißig. Wenn der Gatte beispielsweise aufträgt, Eier hart zu kochen, ist man natürlich schon längst zu groß, um noch peinlich auf die Uhr zu schauen. Das hat man als Köchin doch im Gefühl!

Gefühle trügen. Sagte schon meine Mutter.

Ich muss an dieser Stelle vermutlich nicht extra erwähnen, dass ich nur ein paar Tage später kernweiche Eier im Glas mit Messer und Gabel servieren musste.

Aber so, wie hier gerade eben nach jedem Regenguss doch wieder die Sonne durchkommt, findet auch das blinde Huhn hin und wieder das Licht am Ende des Tunnels. Voilà, meine heutige Eigenkreation!

Das Schwarze ist in Wirklichkeit rot, nämlich im Ofen gebackene rote Bete (in meiner Sprache: rote Rüben). In Folie einwickeln, bei ca. 220 Grad (der Gatte dreht immer voll auf) ungefähr 90 Minuten ins Rohr. Dünn aufschneiden, Balsamico drüber, Ziegenfrischkäse (hier: Palet frais) drüber, ein bisschen Akazienhonig drüber, geröstete Pinienkerne oben drauf.

Es ist nicht die Neuerfindung des Rades, ich weiß, und an der Präsentation kann man auch noch ein bisschen arbeiten. Aber hey – es war genießbar!

Ich finde jedenfalls, dass ich jetzt bereit bin, mein erstes Soufflé zu probieren.

Möge Gott uns beistehen.

Zu viele Kochblogs verderben den Brei?

18. April 2012

Ich habe gerade nachgezählt: Ich habe nicht weniger als 37 Kochblogs sowie Blogs, die sich mit Essen & Trinken beschäftigen, abonniert. Es sind nicht noch mehr, weil ich vor kurzem eine Aufnahmesperre verhängt habe. Weiters sind auf meiner Festplatte über 240 Rezepte gespeichert, auf meinem iPod touch noch einmal mehr als hundert. Wenn ich sie durchblättere, stoße ich andauernd auf Rezepte, die ich „unbedingt auf der Stelle“ nachkochen wollte. Wobei „unbedingt auf der Stelle“ hier als Synonym zu verwenden ist für „bis mir das nächste Rezept im nächsten Kochblog unterkommt, das ich unbedingt auf der Stelle nachkochen will“. Ich habe in dieser Hinsicht die Aufmerksamkeitsspanne einer Maccaroni. Einer ungekochten.

Ich platze dem Gatten mindestens drei Mal pro Tag mit den Worten „Ich hab da ein super Rezept gefunden!“ ins Arbeitszimmer. Ich finde selbstverständlich täglich mehr als drei, aber die restlichen zwölf schicke ich ihm, damit er nicht aus der Konzentration gerissen wird, lieber per Mail. Hin und wieder hat er noch Zeit, Bedenken zu äußern, worauf das Rezept zu „Werde ich irgendwann ausprobieren, wenn er nicht da ist“ degradiert wird. Hin und wieder aber entwickle ich ungeahnte Tatkraft und gehe unverzüglich ans Werk.

Oft genug wird er dann doch aus der Konzentration gerissen, vor allem, wenn ich laut genug fluche. Vater Theresa, der er ist, lässt er seine Titelgeschichte dann Titelgeschichte sein, kommt in die Nähe der Küche und erkundigt sich aus sicherer Entfernung nach dem Problem. „DIE hat gesagt, das gehört so“, zische ich ihn daraufhin oft an und halte ihm einen verkohlten Topf hin. „Wer … DIE?“ fragt er meistens zurück, worauf ich nur noch kleinlaut „Na, die aus dem Blog“ nuschle.

Er seufzt dann meistens tief, beißt sich die Zunge blutig dabei, nicht „Ich hab’s dir ja gesagt“ zu sagen, geht zurück in sein Arbeitszimmer und dreht die Musik lauter.

Mittlerweile versuche ich, diesen Dialog zu vermeiden, indem ich einfach nicht mehr fluche. (Sobald ich das erst einmal drauf habe, ist Übers-Wasser-Wandeln nur noch ein Kinderspiel.)

Es ist nämlich so, dass der Gatte nicht wahnsinnig viel von Kochblogs hält. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Er ist ein glühender Fan von Blogs, immerhin hat er selbst eines der ersten in Deutschland geschrieben. Aber beim Kochen ist er Old School. „Wir haben ein ganzes Regal voller Kochbücher“, pflegt er zu sagen. Oder auch: „Willst du nicht erst schauen, ob’s dieses Rezept nicht auch im Buch von Haeberlin gibt? Oder im Uecker?“ Wenn ich es genau bedenke, war er Kochblogs gegenüber vielleicht noch gar nicht so skeptisch eingestellt, bevor er mich kennenlernte.

Weil, nicht dass wir zu wenige Kochbücher hätten.

(Man beachte die teilweise bereits durchgerissenen Regale und die verdächtig bauchigen Seitenteile. Das in den alten Klassikern ist eindeutig keine leichte Küche.)

Der Rest steht übrigens neben meinem Schreibtisch, weil ich irgendwann endlich ihn hier durcharbeiten will.

Oder ihm hier noch eine Chance gebe.

Oder dies hier lese, um endlich ein paar grundsätzliche Vorgänge zu kapieren.

Ich könnte auch endlich etwas aus diesen jungfräulich unberührten Wälzern nachkochen.

(Die Gebrauchsspuren kommen von den gefühlt zwanzig Umzügen, die wir hier in Paris schon hinter uns haben, aber das ist eine andere Geschichte.)

Den entscheidenden Unterschied zwischen Kochbüchern und -blogs machen für simple Gemüter wie mich die Bilder. Blogger fotografieren brav alles, was sie kochen, inklusive der Zwischenschritte, damit man mittendrin kontrollieren kann, ob das eh so soll. In Kochbüchern hingegen erhöht jedes Bild nur die Druckkosten.

Ich jedoch schaffe es beim besten Willen nicht mir vorzustellen, wie ein Gericht am Schluss aussehen, geschweige denn schmecken könnte, wenn ich lediglich die Zutatenliste und eine Anleitung vor mir habe. (Diese Fähigkeit sitzt vermutlich auf dem selben Chromosom wie das Orientierungsvermögen.) Eine Zutat plus eine Zubereitungsart kriege ich gerade noch hin. Kartoffeln. Kochen. Kein Problem. Aber wenn man hier etwas anschwitzt, dort etwas zu einer Suppe kocht und am Schluss alles zusammenschüttet, steige ich aus.

Klassisches Beispiel? Meine Freundin M. hat mir vor kurzem von einem Rezept aus dem Ottolenghi vorgeschwärmt. Gefüllte Weißkohlpäckchen oder so ähnlich.

M: Da schlägt sich sogar J. immer den Bauch voll!

Ich: Davon hab ich noch nie gehört. In welchem Buch ist das?

M: Na, in dem Genussvoll vegetarisch! So ein rotes Buch.

Ich: Das hab ich doch auch! Aber bei mir ist das nicht drin!

M: Schau noch einmal!

Ich (im Inhaltsverzeichnis blätternd): Oh … richtig … Ist bei mir doch auch drin …

Es war selbstverständlich ein Rezept ohne Bild. Deshalb also Kochblogs. Man ist ja auch ein optischer Mensch.

Die Gefahr bei Rezepten in Kochblogs ist allerdings, dass sie vielleicht doch hin und wieder ein wenig, öhm, überverkauft werden. Dieser Verdacht keimt in mir jedenfalls umso stärker heran, je öfter ich etwas nachkoche, das nicht nur im Blog selbst über jeden Klee gelobt wird, sondern von dem auch in den Kommentaren in höchsten Tönen geschwärmt wird. Und das, wenn ich es nachkoche, bei mir irgendwie nur meh schmeckt. Selbst wenn ich ausnahmsweise nichts habe anbrennen lassen.

Allmählich geht mir immerhin auf, dass die Kommentare meistens von dem schwärmen, was auf den Fotos zu sehen ist. Und die meisten Kommentatoren zwar, siehe oben, beschließen, das unbedingt auf der Stelle nachzukochen, es aber dann entweder nicht tun oder sich danach nicht mehr über das Ergebnis äußern. Und dass die Blogger/innen ihre Rezepte so anpreisen müssen, weil sie a) sonst von niemandem mehr gelesen werden und b) sich verdammt viel Arbeit umsonst machen würden, wenn sie wirklich nur die außergewöhnlich guten Rezepte posten.

Da lob ich mir doch jene Blogs, die erst gar keine falschen Versprechungen machen.

Wiederum andererseits sind die Kochbuchklassiker gern ein paar Jahrzehnte alt, und einige Kochblogs mehr als nur auf der Höhe der Zeit. Im Haeberlin finde ich jedenfalls sicher nichts über Sous-Vide-Kochen. Aber das eine muss das andere ja nicht ausschließen. Ich mache mich jetzt jedenfalls einmal an die Weißkohlpäckchen.

Das Glück gibt’s auf dem Markt

13. April 2012
Die Oldies haben das beste Gemüse. Die Chefin (war gerade nicht da) schmettert gern zwischendurch - wenn sie nicht gerade mit ihren Kunden Schmäh führt - ein kleines Chanson.

Was ich eigentlich sagen wollte, bevor meine Gedanken ein wenig abdrifteten: Selbstverständlich ist Paris eine wunderbare Stadt! (Wenn man von der Gepäckabwicklung am Flughafen Charles de Gaulle absieht, aber ich will nicht schon wieder anfangen.)

Das beginnt schon einmal bei der Frequenz, mit der hier die U-Bahnen verkehren. Fährt sie einem vor der Nase davon, kommt die nächste in maximal drei, vier Minuten, oft sogar nur in zwei, die sich wie eine Minute anfühlen. Sogar tagsüber, außerhalb der Stoßzeiten. Man hat also oft nicht einmal genug Zeit, sich auf dem Bahnsteig dort zu platzieren, wo der ideale Waggon stehenbleiben wird.

Der ideale Waggon – als kleiner Tipp für Paris-Touristen – spart manchmal wertvolle Umsteigeminuten und enervierendes Gerangel auf einem gesteckt vollen Bahnsteig, wo sich Aus- und Einsteigende vermischen, die alle zu unterschiedlichen Aus- und (U-Bahn-) Eingängen streben. Denn was beim Pariser Métrosystem wirklich Zeit kostet, ist das Umsteigen. Ich spreche jetzt nicht von Mega-Stationen wie Montparnasse-Bienvenüe, wo man mit ein bisschen Pech gern einmal zehn Minuten braucht, um von Métro A zu Métro B zu gelangen. Auch kleinere Stationen sind ein einziges Treppauf-Treppab, linksherum, rechtsherum, den linken Fußgängertunnel, nein!, doch den rechten!, puh, endlich da.

Dafür spart man sich das Fitnessstudio. Täglich Métrofahren ist besser als Bauch-Beine-Po. Das Krafttraining erledige ich in den Pariser Bussen, wo man sich besser mit allen verfügbaren Gliedmaßen festhält, wenn einem sein Leben lieb ist. Der Pariser Busfahrer wird von seinen Passagieren beim Einsteigen immer freundlich gegrüßt. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, a) die Türen zu schließen, sobald der letzte Zusteigende auch nur den zweiten Fuß vom Boden gehoben hat, b) loszufahren, sobald sich die Türen in Bewegung gesetzt haben, und c) seinen Fahrgästen ganz allgemein mit dem sportlichsten Fahrstil seit Le Mans nach dem Leben zu trachten.

Für Gleichgewichtsübungen bietet sich übrigens die Métrolinie 1 an. Wer es dort schafft, vor allem beim Bremsen in den Stationen ohne Festhalten stehen zu bleiben, ist für Höheres auserkoren. Aber machen Sie rasch, die Linie wird gerade auf automatischen, also führerlosen Betrieb umgestellt. Und der Computer bremst um einiges humaner.

Aber ich schweife schon wieder ab.

Sogar mir Hardcore-Realistin geht noch jedes Mal das Herz auf, wenn ich über den Pont Alexandre III gehe. Vielleicht auch, weil dort immerimmerimmer Brautpaare stehen, die sich diese wunderbare Brücke samt Eiffelturm im Hintergrund nicht als Fotolocation entgehen lassen wollen. (Und sagen Sie’s nicht weiter, aber seit ich den Gatten kenne, habe ich tatsächlich meine romantische Seite entdeckt.)

Auch der Eiffelturm selbst packt uns immer noch.

 

 

Glitzernd oder nicht. (Ich versuche, ein Video vom glitzernden Turm nachzuliefern.)

Okay, aber was ich eigentlich die ganze Zeit sagen will: die Märkte! Wir haben bislang noch jeden Paris-Besucher samstags auf unseren Lieblingsmarkt geschliffen, und das nicht nur, um eine Ausrede zu haben, „bitte ein Mal von allem!“ zu kaufen. Das tun wir auch ohne Besucher.

Auf den Märkten spiegelt sich die Liebe dieses Landes zu gutem Essen wider. Sag ich jetzt mal ganz kitschig. Und man bekommt dort auch ein Gefühl dafür, wie der Franzose mit seinen Lebensmitteln umgeht. Er sieht sie schon einmal nicht in abstrakter, das sensible Auge schonender Uniform (roter Quader: Rindfleisch, rosa Quader: Kalbfleisch), sondern wie Gott und die Evolution sie schufen. Eine Zunge in voller Länge (da wird einem klar, wie sich Kühe selber die Augen schlecken können), gern auch einmal Schafshirne, und in der Wildsaison hängen die Hasen herum. Ungerupft. Hühner prinzipiell mit den Köpfen dran, die Fische sowieso so, wie sie aus dem Wasser gezogen worden sind. Auch die Pulpos.

Samstags auf dem Markt käme man auch nie auf den Gedanken, dass Kochen nur Frauensache wäre. Die ausgiebigsten Fachsimpeleien habe ich hier ausschließlich zwischen Männern beobachtet (und damit meine ich ausnahmsweise nicht meinen eigenen). Der Schinkenweltmeister (siehe Bildergalerie) unterhält sich liebend gern mit seinen Kunden über die neuesten Erkenntnisse, wie man das Huhn, das er soeben ausgiebig und liebevoll zurechtgeschnitten und -geflämmt hat, am besten brät.

Und nicht, dass Sie glauben, die lange Warteschlange dahinter würde bei jedem neuen Kapitel seines Vortrags ungeduldiger werden – die beteiligt sich einfach an der Diskussion! Auf dem Markt kann man es schon allein wegen des Gedränges nicht eilig haben. Deshalb sieht man lieber den Fachleuten dabei zu, wie sie ihre Ware vorbereiten. Das ist bei den Metzgern natürlich am ergiebigsten.

Ich erinnere mich auch heute noch daran, wie wir zu Beginn unserer Paris-Zeit bei diesem Schlachter Zutaten für einen Kalbsfond gekauft haben. Wir nennen ihn seither nur noch den Dichter. Sehen Sie sich das Bild an, dann wissen Sie, warum. Der Dichter also holte aus dem Kühlraum unter anderem einen Knochen, der direkt aus einem Micky-Maus-Heft stammen hätte können. Pluto hätte den jedenfalls sofort im Garten vergraben.

Der Dichter blickte den Knochen erst liebevoll an, griff dann mit einer unglaublich eleganten Drehung der Hand nach seiner Säge, sägte ein Stück ab, hängte die Säge mit einer erneuten Handdrehung zurück, legte den Knochen neu zurecht, griff wieder nach der Säge und zerlegte Plutos Traum schlussendlich in handgerechte Stücke. Und das alles mit diesem unbeschreiblich sanften, romantischen Gesichtsausdruck. Es war reinstes Fleischer-Ballett. Ich schmachte jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke.

Sehen Sie? Und deshalb muss ich in Paris endlich kochen lernen. Weil es ein Verbrechen wäre, hier zu leben und sich hauptsächlich von Tiefkühl-Picard zu ernähren. Das tun zwar immer mehr Franzosen, aber die haben ja auch ihr ganzes Leben Zeit, die wunderbaren Produkte ihrer Landwirtschaft zu genießen.

Verzeihung, dass die Galerie nicht so hübsch ist. Da will WordPress nicht richtig kooperieren. Am besten erst einmal alle Bildunterschriften lesen und dann die Slideshow anwerfen. Mahlzeit.

 


Freitag wird morgen sein

11. April 2012
Sorry für das vollmundige Versprechen, heute die guten Seiten von Paris nachzuliefern. Der Gatte steht gerade in der Küche und produziert Wohlgerüche, die einigermaßen zusammenhängende Gedanken unmöglich machen.

Freitag mehr.

(geht sabbernd ab)

„Boah, ihr lebt in Paris?!“

10. April 2012

Wenn wir (deutschen) Menschen erzählen, dass wir in Paris leben, ist deren erste Reaktion meistens: „Ohhh, toll! Ihr Glücklichen! Das ist die absolute Stadt meiner Träume!“ Dann kriegen sie ganz plüschige Augen. Und dann fragen sie: „Und? Wie ist das so?“ Je plüschiger die Augen geworden sind, umso brutaler fällt meine Antwort aus. Ich bin nämlich ein fieses Stück. (Versuchen Sie hier also erst gar nicht, kritisch zu kommentieren. Ich weiß, wo Ihr Computer wohnt.)

Die härtesten Paris-Groupies (also jene, die immer nur im Hotel Amour absteigen, glauben, dass Steak frites die hiesige Nationalspeise ist und ausschließlich Macarons von Pierre Hermé an ihre Lippen lassen) bekommen dann zu hören: „Naja, es ist schon ein kleiner Unterschied, ob man als Tourist hier ist oder ob man hier lebt.“ Ich sage das meistens sehr langsam, damit sie es auch mitbekommen.

Den Erwachsenen erkläre ich, dass sich der Alltag in Paris nicht besonders vom Alltag in Hamburg/Wien/Castrop-Rauxel unterscheidet. Man arbeitet den ganzen Tag und knobelt dann, wer heute mit Einkaufen dran ist. Der kleine Unterschied ist, dass der Gang zum Supermarkt länger dauert als in Hamburg/Wien/Castrop-Rauxel. Auch wenn der Weg gleich lang ist. Die Pariser haben nämlich ein bemerkenswertes Gespür dafür, wie sie am besten im Weg stehen. Die haben hier einfach eine andere Einstellung. Während der Deutschsprachige von klein auf darauf gedrillt wird, anderen den Weg frei zu machen, wird dem Pariser offensichtlich beigebracht. „Wo du stehst, ist dein Revier! Ausweichen sollen gefälligst die anderen.“

Ich habe gerade nachgeschaut: Das französische Wort für Ausweichen habe ich hier noch nie gehört.

Stehen also beispielsweise zwei Pariser (miteinander bekannt oder nicht) auf dem Gehweg, dann positionieren sie sich exakt versetzt, sodass Passanten, die an ihnen vorbei wollen, die Umgehungsroute über die Straße nehmen müssen. (Varianten sind: am Ende der Rolltreppe stehenbleiben, um in aller Ruhe zu überlegen, wo man hin will, sowie: vor der Tür eines Geschäfts stehenbleiben, um in aller Ruhe zu überlegen, wo man hin will.)

Der Pariser beginnt im Supermarkt auch erst dann nach dem Geldbörsel zu kramen, wenn er – in aller Ruhe – die Einkäufe verstaut hat. Denn die Wartezeit in der langen Schlange hat er mit Sinnvollerem verbracht. In den meisten Fällen mit Telefonieren.

Dies ist besonders interessant angesichts der Tatsache, dass das Durchschnittstempo in Paris gefühlt drei Mal so schnell ist wie jenes in Hamburg oder Wien. (In Castrop-Rauxel war ich noch nie.) In den ersten Monaten unserer Paris-Zeit haben wir uns in Métro-Stationen nur joggend fortbewegt, in der Métro-Krake Montparnasse-Bienvenüe ausschließlich im Sprint. Wenn mir der Gatte dort etwas Wichtiges mitteilen wollte („Ich krieg keine Luft mehr“/“Das ist die falsche Richtung“/“Dein Rock steckt schon wieder in deiner Strumpfhose“), habe ich immer nur atemlos geantwortet: „NICHT JETZT! Sag’s mir, wenn wir wieder oben sind!“

Mittlerweile kann ich mit den Freunden aus den alten Heimaten nur noch spazierengehen, wenn ich dabei zwei Bierkisten schleppe.

Zum Leben in Paris gehört auch der Umgang mit Handwerkern. Darüber kann ich leider noch nicht sprechen. Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, dieses Trauma zu verarbeiten.

Aber natürlich gehört es für Paris-Expats genauso dazu, über Paris zu motzen, wie es für Paris-Touristen dazugehört, Sonnenuntergänge mit einer Flasche Wein auf dem Pont des arts zu bewundern. Es gibt sehr viele sehr wunderbare Facetten des Lebens in dieser Stadt.

 

Diese hier zum Beispiel:

 

Mehr darüber hier.

Wie ich einmal versuchte Selleriesuppe zu kochen

4. April 2012

Unlängst bin ich in einem Kochblog über ein Rezept für eine einfache, aber angeblich trotzdem raffinierte Selleriesuppe gestolpert. (Einen Teufel werd ich hier auf das Rezept verlinken, die arme Frau muss sich ja nicht von völligen Untalenten ihren guten Kochbloggerinnenruf zerstören lassen.)

Das Problem … oder sagen wir, das eine kleine, versteckte Fuchsloch in einer ansonsten wunderbar glatten Wiese war nämlich, dass das Rezept in Wirklichkeit kein Rezept war, sondern eher eine grobe Handlungsanweisung inklusive Zutatenliste. Weil Selleriesuppe schließlich so einfach ist, dass sogar mein Vater das könnte. Und den lässt meine Mutter eigentlich nicht mehr in die Küche, seit er einmal in ihrer Abwesenheit mit meiner Schwester Palatschinken gemacht hat. Danach musste neu ausgemalt werden.

Meine Schwester war damals acht.

(Diese Geschichte ist selbstverständlich frei erfunden. Und dieser Widerruf hat nichts damit zu tun, dass mir mein Vater soeben mit Enterbung gedroht hat.)

Wie gesagt, deppensicher. Und ganz ehrlich, wer hier kann keine Selleriesuppe kochen?! Dafür also ein genaues Rezept für minderbemittelte Kochanfängerinnen zu schreiben, wäre so ähnlich wie die Zubereitung eines Butterbrots zu erklären. Man kann ja wohl voraussetzen, dass jemand, der es schafft, verletzungsfrei eine Küche zu betreten, auch mit den Angaben „Schalotte, Butter und Reis leicht anrösten, Sellerie dazugeben, aufgießen, weich kochen, pürieren, würzen“ einigermaßen zurecht kommt.

Als ob ich es nicht besser hätte wissen sollen. Aber wie heißt es so schön? Nachher ist man klug.

In der Zutatenliste war auch Milch angegeben. Und Gemüsefond. Und vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht zu erwähnen, dass ich in Chemie immer eine Eins hatte. Und auch ansonsten nicht wirklich blöd bin. Aber ich greife vor.

Ich mache mich nach bestem Wissen (haha) und Gewissen ans Werk. Olivenöl statt Butter, wir sind hier ja cholesterinbewusst. Die Schalotten werden schön brav angeschwitzt, ohne dass sie braun werden.

Jedenfalls nicht allzu sehr.

Dann kommt der Reis dazu, wird mitgeröstet, dann kommt der Sellerie dazu, dann kommt der Gemüsefond dazu und dann kommt die Milch dazu. Dann widme ich mich wieder dem letzten Eugenides.

Als ich nach einigen Minuten (ich finde, Selleriesuppe ist schon groß genug, um allein vor sich hinkochen zu können) wieder in die Küche komme, blickt mir aus dem Topf dies hier entgegen:

Der ungustiöse Schlatz ist – jeder außer mir wird’s auf Anhieb wissen – das Milcheiweiß, das beim Kochen mit dem Gemüsefond ausgeflockt ist.

Nun ist es ja so: Ich WEISS, dass Gemüsefond Säure enthält. Himmel, ich habe oft genug selber welchen gekocht und ihn dabei jedes Mal ganz brav mit Weißwein abgelöscht! Und ich WEISS, dass Milch plus Säure gleich Klo. Und vermutlich wäre ich, hätte mich jemand gefragt, „Uuund? Worauf musst du aufpassen, wenn du deinen Gemüsefond und die Milch zusammenschüttest?“ nach weniger als 20 Minuten Bedenkzeit auf die richtige Antwort gekommen. Sogar ohne Gattenjoker.

Und eigentlich bin ich auf vorausschauendes Denken programmiert, seit mir mein zweiter fester Freund damals verboten hat, bei Wind einen Rock anzuziehen. Vielleicht bin ich aber auch schon dermaßen auf amerikanische Kochblogs geeicht, die einem schon bei der Zutatenliste sagen, in welcher Art von Müllsack man am besten den Abfall vom Gemüseschneiden entsorgt.

Es kam jedenfalls nicht zu einem vorausblickenden Denkprozess, dafür jedoch zu einem wenig appetitanregenden Anblick im Topf.

Ich entwickle kurz ein paar neue Schimpfwörter und hole den Gatten zu Hilfe: „Kann man das noch retten?“ frage ich in einer Mischung aus Verzweiflung und Wut, die mich in der Küche so oft überfällt.

Sein Gesicht ist ein einziges „Niemals!“ kombiniert mit einem höflich unterdrückten „Igitt“. Aus Angst um unsere Küchenmöbel überwindet er sich zu einem wenig überzeugenden: „Hm, versuch’s einmal. Du musst nur überall das Milcheiweiß abwaschen.“

Nur.

Wir erinnern uns: klein geschnittener Sellerie. Reiskörner.

Als mittleres von drei Kindern war mein Motto schon immer: Weggeworfen wird nichts. Wer weiß, wann mir meine Schwestern das nächste Mal einen Bissen übriglassen. Trotzdem beschließe ich, die Reiskörner zu opfern. Sollten es einige von ihnen doch noch schaffen, hatten sie es verdient, zu Suppe püriert zu werden. Darwin zu Ehren.

Ich wasche also 800 Gramm klein geschnittene Selleriewürfel unter fließendem Wasser ab. Zwei kleine Handvoll Reis entgehen dem Mülleimer. Das Ganze kommt zurück in den Topf mit der Kochflüssigkeit, die ich mehrfach durch unser Käseleinen gefiltert habe, und sieht wieder einigermaßen manierlich aus.

Ein paar Minuten dürfen sie noch köcheln, dann püriere ich alles mit dem Zauberstab. Ich binde mir den rechten Arm auf den Rücken, um nicht in Versuchung zu geraten, doch noch ein wenig Creme fraîche hineinzurühren. Eigentlich kann man alles mit Creme fraîche retten. Aber von Milcheiweiß habe ich für heute die Nase voll.

 

Ich gebe die Suppe für den Verzehr frei.

Der Gatte nimmt sich einen Teller und sagt: „Lecker, dein Selleriepürée.“