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Von krüschen korsischen Katzen und lesenswert leckeren Linsengerichten

7. November 2012
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Zu früh gefreut, ich habe den Kochlöffel nicht an den Nagel gehängt. Es gab nur ein bisschen zu viel von diesem Dings … wie heißt das noch … Arbeit. Und dann haben wir uns noch drei Wochen Urlaub gegönnt. Hier:

Kleiner Tipp: Wir haben Frankreich nicht verlassen und waren doch auf einer Insel. Wo wir uns drei Wochen lang von Charcuterie und korsischem Käse ernährt haben.

Korsika in der Nachsaison ist wunderbar. Immer noch warm, dafür beinahe menschenleer. Das macht sich vor allem auf den teils einspurigen Bergstraßen bezahlt, auf denen man bei Gegenverkehr doch recht schnell wieder das Beten beginnt. Vor allem auf jenen, wo es auf einer Seite 200 Meter runter geht.

Wir haben auch schnell Anschluss gefunden. Dies hier sind Schrödinger (o.) und Erwin-Zwei. (Ey, Katzencontent!)

Meistens haben wir sie allerdings so gesehen.

Diese Position bedeutet auf Katzenkorsisch: „Jemand ist in der Küche, und wenn er einigermaßen lernfähig ist, weiß er mittlerweile, dass er uns von dort gefälligst etwas mitzubringen hat.“

Schrödinger und Erwin-Zwei konnten als gelernte Streuner wunderbar glaubhaft eine drohende Ohnmacht wegen kurz bevorstehender Verhungerung markieren. Aber als ich ihnen ein Mal statt ihrer Friskies etwas gekocht habe, waren sie plötzlich auf Diät. Verwöhnte französische Viecher. Ich kenne Dutzende Katzen, die sich die Pfoten geleckt hätten nach meinem Reis mit Worcestersauce und Ketchup!

Nach drei Wochen fuhren wir wieder heim, aber das war ok, weil die Aussicht langsam ein bisschen langweilig wurde.

Im Reisegepäck hatte ich neben dem „Mann ohne Eigenschaften“ (immerhin 62 Seiten geschafft) unter anderem auch Stevan PaulsSchlaraffenland„, von dem so ziemlich alle deutschen Foodblogs begeistert waren.

Nicht, dass man mir so leicht etwas einreden könnte.

„Schlaraffenland“ hat mir die Urlaubslangeweile gerade mal für einen knappen Tag vertrieben. Dann war ich durch.

Nicht, dass man Ihnen so leicht etwas einreden könnte, aber kaufen Sie sich dieses Buch. Pauls Kurzgeschichten sind ganz dezent poetisch, atmosphärisch sehr dicht und lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Jede Geschichte handelt von einem Gericht, das aber jedes Mal eine unterschiedliche Rolle einnimmt. Manchmal die Haupt-, oft auch die Nebenrolle. Oft schwärmen die Figuren davon, manchmal lassen sie sich aber auch einfach nur dadurch besänftigen. Durch einen Milchreis, zum Beispiel.

Man liest das Buch und will sofort alles nachkochen. Was natürlich ein eleganter Trick des Autors ist: Er lobt seine eigenen Rezepte nicht selbst, sondern lässt das von seinen Figuren erledigen. Raffiniert!

Zurück in Paris nahm ich meinen Küchendienst wieder auf, der Gatte wollte zur Abwechslung mal ein bisschen was arbeiten. Ich beschloss, die „Linsen nach Art des Alten“ auszuprobieren. In der Geschichte „Von der Kunst, ein Linsengericht zu kochen“ schwärmt ein Jungkoch, der sich beim „Alten“ um eine Stelle bewirbt, so ausführlich davon, dass es mich wundern würde, wenn es nicht jeder Leser als erstes nachkocht. (Der Jungkoch wird übrigens kurz darauf vom Alten wegen galoppierender Ignoranz vor die Tür gesetzt.)

Nun, es ist nicht das einfachste und nicht das schnellste Rezept, das ich jemals versucht habe. (Und wir wissen, ich habe SO eine Erfahrung im Rezeptenachkochen.) Vor allem hatte ich natürlich wieder einmal auf meine eherne Regel Nr. 1 vergessen: Read the fu**ing recipe!

Ich begann also zu schnippeln, zu kochen, zu mörsern, zu rühren und zu raspeln und schwor mir unterwegs, ab sofort immer die angegebene Zubereitungszeit (1 Stunde) ernst zu nehmen. Neue Regel.

Ich möchte jetzt aber auch, bitteschön, ein wenig Lob für meine 1A fein gewürfelten Gemüsewürfelchen.

Das Gericht ist an einzelnen Arbeitsschritten nicht arm. An einer Stelle des Rezepts werden beispielsweise diverse Gewürze sowie Knoblauch und Zitronenschale mit Butter verrührt. Worauf sich die Laiin natürlich denkt: Wenn beides am Ende ohnehin im selben Topf landet, wozu der Aufwand?

Die Laiin hatte, Wochen nach der Lektüre des Buches, natürlich längst die entsprechende Stelle in der Kurzgeschichte vergessen:

„Nur der Alte lacht nicht, im Mörser zerreibt er schwarze Pfefferkörner und Piment, verrührt den duftenden Rieb eilig mit einem Stück weicher Butter, „damit uns die ätherischen Öle nicht abhauen!“

Der Gatte steckte immer wieder den Kopf zur Tür herein, meinte, „Das ist aber schon ein recht aufwändiges Rezept, soll ich dir helfen?“, erntete als Antwort ein leichtes Stöhnen, war froh, dass es ausnahmsweise kein Fluchen war, und zog sich wieder hinter seinen Computer zurück.

Eine Stunde später schwärmt er von dem Gericht in noch höheren Tönen als der überhebliche Jungkoch. (Und das, obwohl im Fernsehen gerade Paris St. Germain gegen Olympique Marseille spielt.) Seine exakten Worte: „Das ist das beste Linsengericht, das ich je gegessen habe.“ Ohne Scheiß!

Im Rezept steckt nur leider ein massiver Fehler: Es soll angeblich für 6–8 Personen reichen.

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Linsen nach Art des Alten
(mit freundlicher Genehmigung und Erklärung von Stevan Paul)

Zutaten (alle Angaben ohne Gewähr)
500 g kleine grüne Alblinsen, ersatzweise Puylinsen
je 200 g Möhren, S(tangens)ellerie und Zwiebeln
100 g Butter
40 g brauner Zucker
30 g Tomatenmark
300 ml trockener Rotwein
1 unbehandelte Zitrone
1 Knoblauchzehe
20 schwarze Pfefferkörner
10 Pimentkörner (in Ermangelung selbiger habe ich auf des Gatten Rat hin Szechuanpfeffer genommen, war auch ok.)
4 Zweige Majoran (oder 1 TL getrockneter)
2 Zweige Bohnenkraut (oder 1/2 TL getrocknetes)
1 EL Paprikapulver edelsüß
1 TL Kartoffelmehl (für kurzfristig Verwirrte: Es klappt auch mit Maizena)
1 Liter Gemüsebrühe
150 g Porree
Salz
1–3 EL Rotweinessig, bzw. Apfel- oder Weißweinessig
10 g Kapern (öhm, merke gerade, dass ich 10 Stück genommen habe – war auch ok.)
2 Sardellenfilets

===

Die Linsen in 1,5 Liter (ungesalzenem!) Wasser 25 Minuten kochen.

Für die Rotweinreduktion die Möhren, Sellerie und Zwiebeln putzen, schälen und fein würfeln.
80 g Butter in einem (besser ziemlich großen) Topf schmelzen, die Gemüse darin glasig dünsten.
Mit braunem Zucker bestreuen und schmelzen lassen.
Tomatenmark unterrühren und 1 Minute mitdünsten.
Mit Rotwein auffüllen und offen 10 Minuten leise einkochen. (Bei mir hat das Radio geplärrt, war auch ok.)

Für die Gewürzbutter von der Zitrone 1 EL Schale fein abreiben.
Knoblauch grob würfeln und beides mit den Pfefferkörnern und dem Piment in einem Mörser zerdrücken und mit 20 g Butter fein zerreiben.
Majoran und Bohnenkraut fein hacken und mit dem Paprikapulver und dem Kartoffelmehl unter die Butter rühren.

Die vorgegarten Linsen abgießen und mit der Gemüsebrühe zur Gemüse-Rotwein-Reduktion geben (ich sagte ja: großen Topf nehmen!). 10 Minuten offen kochen.

Porree längs halbieren, gründlich waschen und fein würfeln. Zu den Linsen geben und weitere 5 Minuten offen kochen. (EDIT: Dieser Satz hat jetzt beinahe ein halbes Jahr gefehlt und ist niemandem außer Herrn Sprakties abgegangen!)

Die Gewürzbutter unterrühren und weitere 10 Minuten offen kochen.
Mit Salz würzen und mit Rotweinessig leicht säuerlich abschmecken.
Kapern und Sardellen hacken und unter das Linsengericht rühren.

Stevan Pauls Tipp, dies hier reiche „üppig“ für 6–8 Personen und ließe sich auch gut einfrieren, lasse ich weg, weil ich meine Leser nicht verhöhnen will.

9 Kommentare leave one →
  1. 8. November 2012 09:05

    Ah, ich dachte schon, Sie wären abhanden gekommen. Oder hätten das Kochen aufgegeben. Dieses Linsengericht werde ich ganz sicher NIE nach kochen. Viel zu aufwendig. Ich koche überhaupt gar keine Linsen mehr, seit es diese bestimmten nicht mehr gibt, mit denen mir jedes Gericht einfach, schnell, bekömmlich und lecker gelang.

    Gut. Also. Schöne Fotos vom Urlaub haben Sie da mitgebracht. Korsika ist ja auch mal eine Idee für einen Urlaub. Ich dachte bei französischer Insel ja immer an Réunion, aber seit da neulich Freunde von mir waren, will ich da nun doch nicht mehr hin. Korsika dagegen… scheint ja auch schönere Katzen da zu geben.

  2. 11. November 2012 10:43

    Hier das geforderte Lob: die Würfelchen sehen echt perfekt aus! Außerdem muss ich wohl endlich dieses Buch kaufen. Und die Linsen muss ich nachkochen, ich glaubte bis jetzt nämlich, dass mein Kaninchen mit Linsen das beste Linsengericht ist 😉 – aber da sind halt Rosinen drin, und Rosinen mag nicht jeder …

  3. mia permalink
    11. November 2012 21:00

    Das sieht wirklich interessant aus. Aber was liegt denn da drauf auf den Linsen? Sind das Jakobsmuscheln?! Oder ist das aus Teig?

  4. 27. Dezember 2012 14:08

    Gefällt mir echt gut, wie Du schreibst! Mach es öfter!!
    Jetzt verstehe ich – meine Katzen sprechen katzenkorsisch…

  5. Günter Sprakties permalink
    11. April 2013 14:31

    Sieht lecker aus und kommt sicher zu den 100 Gerichten, die ich irgendwann nachkochen werde. Aber auch beim 10ten Nachlesen finde ich nicht: was passiert mit den 150g Porree? Werden die mit dem Gemüse vorgegart oder extra in die Gemüsebrühe gegeben? Ich vermute ja letzteres ….

    • 12. April 2013 22:09

      Bravo! Sie sind der Erste, dem das in einem halben Jahr aufgefallen ist!! Mit der Bitte um Verzeihung – das Rezept ist jetzt vervollständigt.

  6. Thea permalink
    16. April 2013 17:24

    Zwar habe ich – wie alles – Ihr Linsengericht mit größtem Vergnügen gelesen, aber statt zum Nachkochen und Nachschauen den etwas zu großen Bildschirm in meine Winzküche zu wuchten, habe ich doch lieber – Gottseidank im Besitz des „Schlaraffenlands“ – Herrn Paulsen neben den Herd gesetzt. Und so fiel mir der fehlende Porree bei Ihnen, Gnädigste, auch überhaupt nicht auf. Wo ich sonst eine „pingelige“ Leserin bin.

Trackbacks

  1. Kochevent – Räucherforelle auf Linsen nach Art des Alten | Foodina

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