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Ich bin eine Küchengöttin. Ich kann halt nur nicht kochen

29. Mai 2012
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Dies hier ist eine Therapiestunde mit Öffentlichkeitsrecht, herzlich willkommen! Nehmen Sie Platz, holen Sie sich einen Kaffee und räumen Sie bitte alle Rasierklingen aus meiner Reichweite. Küchenmesser besser auch. Also … Ihre Küchenmesser. Mit unseren kommt man derzeit wieder gerade mal durch ein hartes Ei.

Und das auch nur, wenn es von mir hartgekocht wurde.

Bei unserer letzten Sitzung riet mir mein Therapeut, nach all den Fehlschlägen auch wieder einmal das Positive zu sehen. Er musste das ziemlich laut sagen, damit ich es draußen auf der Balkonbrüstung noch hören konnte.

“Das Positive!”, schnaubte ich zurück. “Ich werde schon als Köchin für Betriebsversammlungen gebucht, damit die Angestellten froh sind, gefeuert zu werden! Wo bleibt da das Positive?”
“Eine neue Einkommensquelle …?” versuchte er verzweifelt zu spindoktern, weil ihm vermutlich gerade eingefallen war, dass seine Putzfrau vor kurzem das Balkongeländer frisch eingelassen hatte.
“… mit wohl eher geringen Chancen auf Stammkundschaft!” erwiderte ich so bitter, wie mein letzter Zucchiniauflauf geraten war.
“Nun kommen Sie doch erst einmal wieder herein”, sagte er mit seiner liebenswürdigsten Therapeutenstimme, “Ihre Stunde ist nämlich abgelaufen. Und wenn Sie jetzt noch springen, zahlt das die Haftpflicht nicht. Dann gehen Sie nach Hause in Ihre Küche und blicken sich ein wenig um. Und ich bin mir sicher, dass Ihnen dort sehr viel mehr gelungen ist, als Sie wahrhaben wollen. Nächsten Dienstag um vier, wie immer?”

Ich trottete nach Hause und ignorierte absichtlich jede rote Fußgängerampel. Dann fiel mir ein, dass ich ja in Paris war. Ich wartete also bei den nächsten Kreuzungen extra auf Grün, aber keiner der sonst so zuverlässigen Motorradfahrer wollte mich diesmal über den Haufen fahren. Nicht einmal ein Radfahrer erbarmte sich meiner, dabei hatte ich extra jene Route gewählt, die normalerweise voll ist mit Vélib’-Touristen, die zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder auf einem Fahrrad sitzen. “Ja, streiken denn schon wieder alle?” greinte ich gen Himmel, aber es half alles nichts. Ich kam lebend zu Hause an.

In die Küche also. Mein erster Blick fiel auf den Kühlschrank, in dem noch der letzte Kartoffelsalatversuch darauf wartete Schimmel anzusetzen, damit ich ihn endlich ohne schlechtes Gewissen (die Kinder in Afrika!) wegschmeißen konnte.

Doch Moment! Er hatte nichts von Kochen gesagt!

Und leuchtete mir da am Kühlschrank nicht meine eigene Erfindung (patent pending) entgegen, um die ganzen Alufolien- und Klarsichtfolien- und Backpapierrollen immer griffbereit zu haben, ohne sich ein spießiges Abrollteil montieren zu müssen?

Ich erinnerte mich an den Tag zurück, an dem ich die unglaublich geniale Idee hatte, die Dinger mit Magnetstreifen an die Kühlschranktür zu pappen. (Seit damals heißt die Becker-Faust übrigens Neudecker-Faust. Minimaler Unterschied.)


Der Abroller ist von Muji, die Magnetstreifen sind aus dem Bastlerbedarf.

Beim Backpapier genügt ein Streifen, der hineingelegt wird und immer wieder in die jeweils neue Packung übersiedelt.

(Die Alufolie wartet derzeit noch auf ihren neuen Abroller, der alte war in seiner Funktion als Testpilot abgestürzt. Wir werden ihn nie vergessen.)

Unsere Küche hat zwar für Pariser Verhältnisse geradezu Versailler-Spiegelsaal-Ausmaße, trotzdem kann ich ungenutzte Flächen nur schwer ertragen. Noch dazu, wenn man sie so nutzbringend verwenden kann wie die Tür des Tiefkühlers.

Drin is’, was drauf steht. Jedenfalls, solange alle Mitbewohner die Inhaltsangabe immer schön updaten.

Und überhaupt sind Post-its in einer Küche ja total praktisch.

Mir ging es langsam besser. Ich blickte mich weiter um und sah die – derzeit – ultimative Gewürzaufbewahrung.

Auf die Idee mit den Dosen ist Nicole Stich gekommen, und ich hoffe, sie hat sich rechtzeitig Anteile an der Herstellerfirma gesichert. Auf diese Gewürzdosen, die licht- und luftdicht sind, haben wir vor gut zwei Jahren umgestellt (ich musste für die französischen Gewürzmengen eine Spezialgröße bestellen). Zuerst wohnten sie in einem Regal, das ich aus Drahtablagekörben und Kabelbindern gebastelt hatte. (Man kann nämlich ALLES aus Kabelbindern machen! Kabelbinder werden eines Tages diese Erde retten, glauben Sie mir!)

Dann hausten die Dosen ein paar Monate lang in einer simplen Schublade, wo sie zwar einfach und schnell zur Hand waren, wo man aber nach den hintersten Gewürzen immer mühsam kramen musste. Also machte ich mich in schlaflosen Nächten und prokrastinierenden Tagen auf die Suche nach der ultimativen Lösung.

Und fand sie bei Ikea. (Ich verrate Ihnen jetzt nicht, dass ich diese Körbe in Wien gekauft und sie in einem Koffer, in den außer ihnen dann nur noch das hier gepasst hat, nach Paris geschleppt habe, weil sie hier nicht und nicht lieferbar waren. Nein, das verrate ich Ihnen jetzt nicht.)

Die zugehörigen Bügel waren zu lang, man hätte sich nach den untersten Dosen schon beinahe bücken müssen.

Also wurden sie durch S-Haken ersetzt. Man kann nämlich ALLES aus S-Haken machen! S-Haken werden eines Tages die Welt retten, glauben Sie mir!

Das Ganze hängt an einer Stange, die ich noch in meinem Bastelfundus hatte (deshalb nie etwas wegwerfen, liebe Kinder!) und die auf dem Kühlschrank einerseits und dem Regal andererseits ruht. Ich hasse es nämlich, Löcher zu bohren. Dübel sind für mich suspekte Wesen, ihnen ist nicht zu trauen.

Wie gesagt: Glatte, ungenutzte Flächen bringen mich um den Nachtschlaf. An diese hier wird eines Tages noch ein kleines Regal gebastelt werden (Kabelbinder! S-Haken!)

Bis dahin beherbergt sie des Gatten Küchenradio. Dessen erster Handgriff beim Kochen besteht nämlich immer darin,  fip einzuschalten, den tatsächlich besten Musiksender dieses Kontinents. (Dank fip habe sogar ich die Bedeutung des Wortes eklektisch kapiert.) Und der Ventilator, an dem das Radio hängt, funktioniert ohnehin nicht.

Die Dunstabzugshaube hingegen funktioniert, schiebt bei uns allerdings eine eher ruhige Kugel. Weshalb sie gleich noch ein bissl was für ihr Geld tun darf.


Das ist übrigens ein grundlegender Unterschied zwischen dem Gatten und mir. Er würde Erbsen mit dem Skalpell schneiden, damit sie die Form haben, die er sich in den Kopf gesetzt hat. Aber es geht ihm sonstwo vorbei, wenn er nach Gewürzdosen kramen muss oder wenn ihm alle Siebe um die Ohren fliegen, während er versucht, das unterste hervorzuziehen. Mich hingegen machen diese Siebe seit Wochen unruhig. Schließlich habe ich nicht umsonst nach über zwei Jahren endlich unserer Reinigungshilfe abgewöhnt, alle Teller, Pfannen, Töpfe, Schüsseln und Tassen einfach in große, wackelige Stapel zu schlichten. Sie fand, es würde Platz sparen.

Der Luftraum unserer Küche ist noch relativ unbewohnt, ich muss wohl demnächst wieder zum Baumarkt. Denn nichts fühlt sich so gut an wie ein technisches Problem, das endlich gelöst ist. Ehrlich gesagt nicht einmal eine gelungene Topfentorte.

Mein Therapeut hatte recht. Mein Lebenswille war wiedergekehrt. Ich bin in der Küche tatsächlich ein kleines … nu, Genie hätte ich jetzt nicht unbedingt gesagt. Aber ganz unnütz bin ich jedenfalls nicht. Man muss ja nicht immer kochen.

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15 Kommentare leave one →
  1. 30. Mai 2012 08:23

    Ja, toll das mit den Magneten. Und was mache ich jetzt mit meinen voll verkleideten Kühlschrank und Tiefkühler???

    • ruth permalink
      30. Mai 2012 09:22

      ein gegenmagnet ankleben???

      • 30. Mai 2012 12:42

        Es gibt ja auch sehr starke Magneten. Vielleicht wirken die ja durch das Holz hindurch?

  2. ruth permalink
    30. Mai 2012 09:21

    jaja mein mann sagt auch immer:” ich kann kochen aber essen müsste man es auch noch können…” und “ich putze dann die küche schon noch”, tja bisher habe ich es überlebt! aber die magnetstreifen sind genial, nur bei mir ist alles mit holz verschalt da klebt es nicht und der kleine streifen am backofen…

  3. 30. Mai 2012 17:19

    oh das ist so viel Kreativität – die wir demnächst auf die wundervollen Speisen überspringen – kann ich schon riechen

  4. 30. Mai 2012 19:16

    Liebe Frau Neudecker,

    die Magnetstreifenidee ist große Klasse – genau wie ihr kompletter Blog. Selten hatte ich so viel Spaß auf Kochseiten!
    Ihre H.

  5. wiycc permalink
    2. Juni 2012 11:21

    Danke für’s Mitteilen Ihrer kreativen Ideen. You made my day. :)

  6. 3. Juni 2012 23:30

    liebe frau neudecker!
    ich amüsiere mich fabelhaft bei ihnen ( falls das therapeutisch ein bisschen hilft :-))
    die idee mit den post-its ist super. die könnte ich bei uns auf das ganze haus ausweiten…
    liebe grüße!

  7. 30. November 2013 21:40

    Welchen Durchmesser haben Deine Dosen? Nicole Stich hat 67mm, aber ich glaub, das würd in dem Ikea-Bygel ziemlich klappern, wenn die angegebene Breite von 10cm stimmt.

    • 30. November 2013 23:15

      Meine haben einen Hauch über 8 cm Durchmesser, weil ich größere Dosen gebraucht habe. Die waren damals bei der Firma nicht auf der Webseite gelistet, sondern ich habe direkt nachgefragt. War ein Restposten, allerdings hoffe ich gerade sehr, dass sie noch welche haben …

      • 1. Dezember 2013 12:37

        Sind es die 81×37 (150ml)?

      • 1. Dezember 2013 12:59

        In meiner Bestellung steht 81×38 – aber der eine Millimeter ist ja nun wirklich nicht mehr spielentscheidend. Aber gut zu wissen, dass sie noch welche haben!

  8. 1. Dezember 2013 15:11

    Wie machen sich die Dosen eigentlich beim Kochen? Im Unterschied zu einem Streuer hab ich etwas Angst vor dem Plumpseffekt überm Topf und daß der Dampf die Gewürze befeuchtet. Oder nimmst Du nen Löffel? Dazu bin ich glaub ich nicht diszipliniert genug. ;-)

    • 1. Dezember 2013 15:46

      Meistens nehme ich die Finger. Direkt hineinstreuen ist mir bei meinem motorischen Talent zu riskant. Ich glaube, damit hab ich schon einmal etwas sehr scharf gemacht, was gar nicht scharf werden sollte …

      • 3. Dezember 2013 01:29

        Genau das meinte ich mit dem Plumpseffekt. ;-)

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