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Wie ich versuche kochen zu lernen, ohne dabei jemanden umzubringen

20. November 2011
Was passiert, wenn man Tapioca-Kügelchen kocht und währenddessen nur einmal kurz eine Runde Bejeweled spielen geht

(So sieht es übrigens aus, wenn man Tapiocakügelchen kocht und währenddessen nur einmal kurz eine Runde Bejeweled spielen geht …)

Etwas in dieser Art passiert mir öfter. Ich gebe zu, dass ich nicht der konzentrierteste aller Menschen bin. Manchmal stehe ich auf, um etwas zu erledigen, aber sobald ich stehe, habe ich vergessen, was ich erledigen wollte. Dafür bin ich ein glühender Fan des Multitasking.

Nein, ich erkenne hier gerade keinen Zusammenhang.

Wenn ich also “koche”, fallen mir laufend Dinge ein, die währenddessen gemacht werden könnten: die Wäsche, der Download, das Computerspiel. Tapiocakugerln können ruhig allein vor sich hin kochen, da brauchen sie nicht mich dazu, um ihnen das Händchen zu halten. Manchmal kommt dann jedoch eine Kleinigkeit dazwischen: beispielsweise, dass ich bei Bejeweled schon ohne Probleme bis Level 8 komme. Das dauert. Oder dass es schon zwei Minuten her ist, seit ich zuletzt Facebook gecheckt habe. Oder dass mir eingefallen ist, was ich vorhin vorm Aufstehen erledigen wollte.

Tapiocamäßig nehme ich also alle Schuld auf mich.

Auch dieser Tortenboden, der einmal ein Pumpkin Pie hätte werden sollen, liegt nicht in meinem Verantwortungsbereich.

Ich schwöre, ich hatte alles nach Vorschrift gemacht! Wenn unser Ofen dann austickt, kann ich echt nichts dafür.

Etwas anders stellt sich die Lage bei diesem Schokopudding dar. Sieht gelungen aus, nicht?

Nicht.


Ich muss an dieser Stelle erklären, dass ich außer unter leichten Konzentrationsschwächen auch unter einer mittelschweren Spezialform von Legasthenie leide. Wenn zwei Wörter mit demselben Buchstaben beginnen, bin ich gehandicapt. In Wien gibt es eine U-Bahnlinie, deren beide Endstationen mit H beginnen: Heiligenstadt und Hütteldorf. Ich brauche jedes Mal drei Minuten, bis ich weiß, in welche Richtung ich muss. Oder hier in Paris: Bäckereien heißen Boulangeries, Metzgerläden Boucheries. Ich habe es tatsächlich einmal geschafft, in einem Restaurant zu fragen, von welcher Bäckerei sie ihre Male beziehen. (Ich habe nämlich auch nach wie vor Probleme mit den französischen Artikeln: la fois – das Mal, le foie – die Leber.)

Dem Pudding wurde die Hürde “Tablespoon – Teaspoon” zum Verhängnis. Macht halt einen kleinen Unterschied, ob man einen Tee- oder einen Esslöffel Stärke hineinrührt.

Wie gut, dass ich genug davon gemacht hatte.


Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass diese Teaspoon-Legasthenie nicht immer fatal enden muss. Vor Jahren habe ich mich bei einer Panna cotta wieder einmal im Löffel vergriffen und statt ein paar Teelöffeln Zucker ein paar Esslöffel in die Creme gerührt. Wer rechnet auch ernsthaft damit, dass in einem Dessert nur vier Teelöffel Zucker sind?

Draufgekommen war ich noch rechtzeitig, als die Creme beim Rührbesenablecken sogar mir zu süß war. Statt mir jedoch, wie in ähnlichen Fällen üblich, zu denken: „Och, das wird schon seine Richtigkeit haben, vielleicht ist es beim Servieren ja nicht mehr so süß“, hatte ich damals ausnahmsweise logisch überlegt und sofort alles in die halbfertige Creme geschüttet, was noch da war: Buttermilch, Sahne, Joghurt – wäre irgendwo noch weiße Dispersion herumgestanden, ich hätte für nichts garantieren können.

Und was soll ich sagen? Es war die genialste Panna cotta meines Lebens. Und ich werde sie – wie Cary Grant sein Verjüngungsmittel in “Liebling, ich werde jünger” – nie wieder reproduzieren können.

Eine beliebte Fehlerquelle lauert bei meinen Kochversuchen auch im Dividieren der Zutatenmengen. Ich bin ja mittlerweile immerhin schon so weit, dass ich einen Erstversuch nicht gleich für 12 Personen zubereite. Ehrlich gesagt, besser nicht einmal für vier. Und da ergibt es sich eben, dass ich brav alles runterrechne. Bis auf eine Zutat.

Das ist dann kein schöner Anblick:

50 Prozent Brotteigzutaten. 100 Prozent Wasser. Ergibt 150 Prozent Sondermüll.

Aber ich bemühe mich. Ich habe mittlerweile gelernt, den Geschirrspüler nicht dann einzuräumen, wenn ich gerade das Steak in die heiße Pfanne gelegt habe, sondern wenn ein Fond stundenlang vor sich hin köchelt. Ich drucke mir Rezepte aus (sorry, Bäume!) und schreibe mir die halbierten Zutatenmengen sicherheitshalber daneben, anstatt die Mengenangaben in Wunzschrift von einem PDF auf meinem iPod abzulesen und im Kopf runterzurechnen. Und ich kann inzwischen von den Segnungen des Mise en place berichten, das Menschen wie mir hilft, die Zucchini nicht erst dann zu schneiden, wenn sie schon längst in der Pfanne gebraucht werden.

Immerhin habe ich bis jetzt tatsächlich noch niemanden umgebracht. Meines Wissens nach, zumindest. Und ich kann mittlerweile ein paar Gerichte zubereiten, die tatsächlich so gut wie jedes Mal gelingen. Diese Pizza, zum Beispiel.

Oder Jakobsmuscheln mit Zitronen- und Shiso-Öl.


(Noch nie konnte man einfacher einen auf dicke Hose machen, glauben Sie mir.)

Ob ich allerdings eines Tages tatsächlich sagen kann: “Schatz, ich koche uns heute etwas.” Statt “Schatz, ich ‘koche’ uns heute etwas”, wage ich nicht zu hoffen. Wir werden dann jedenfalls nicht mehr in Paris leben. Ich sollte mich also besser ranhalten.

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5 Kommentare leave one →
  1. 11. April 2012 19:01

    Mise en place… das sollte ich mir auch angewöhnen. Allerdings… mein Geschirrspüler ist ja eh kaputt. Da kann mir also nix passieren, ablenkungstechnisch, und ich kann die Tomaten noch fix schneiden, wenn die Zwiebeln schon… naja, lassen wir das

  2. feuchtfroehlich Permalink
    22. April 2012 23:32

    Liebe Frau Neudecker,
    ich habe herzhaft gelacht über einige Ihrer Beiträge und diesen Blog sofort abonniert. Bitte weitermachen! Ach: und kochen ist lernbar- ich habe zwar etwas früher angefangen aber ich war lange Zeit auch in der Lage z.B. Fleisch außen schwarzverbrannt und innen roh zu servieren, Reis gab es bis zu meinem 20igsten Lebensjahr nur aus dem Kochbeutel, ich musste nie mehr als eine Sorte Gemüse kaufen, weil es nach dem “zubereiten” eh alles gleich aussah und von breiiger Konsistenz war und nicht mal Nudeln waren genießbar (naja ich mag die so n bisschen matschig). Alles wird gut!

    • 23. April 2012 08:31

      Oh ja, was kann man aus Gemüse nicht für wundervolle Breie machen …

      Vielen Dank, ich sehe, wir verstehen uns!

  3. mischa reska Permalink
    12. Januar 2014 23:26

    Das sind meine!!! Was habe ich gerade gelacht – über mich! Zum ersten mal jemand der die selben Legasthenien hat! Nicht zu glauben! Ich will ja nicht angeben, aber ich habe noch ein paar mehr. Der entscheidende Unterschied, ich sage immer von mir das ich sehr gut kochen kann. Das ist scheinbar nur eine Frage der Definition.

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